Interview mit Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege

 

Was bedeutet der diesjährige Friedensnobelpreis für Sie und Ihre Arbeit?
Der Friedensnobelpreis ist ein Zeichen dafür, dass die Welt aufwacht und zu sehen beginnt, was in Kriegen weltweit geschieht. Nicht nur ich, sondernauch andere sagen schon seit vielen Jahren, dass Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt wird. Der diesjährige Friedensnobelpreis wirft Licht auf diese Verbrechen und ich hoffe inständig, dass die internationale Gemeinschaft endlich beginnt zu handeln, um sexuelle Gewalt zu verhindern und die Überlebenden zu unterstützen. Ich widme ihnen diesen Preis, es ist absolut ihr Preis. Der Friedensnobelpreis erkennt ihr Leiden an und zeigt, dass ihre Stimmen gehört werden.

Die Frauen, die Sie behandeln, haben Gewalt erlebt, die schwere körperliche und seelische Schäden hinterlassen hat. Wie können diese Frauen gesund werden?
In dem von mir 1999 gegründeten Panzi Hospital im Osten des Kongo haben wir ein ganzheitliches Behandlungsmodel entwickelt, das den Überlebenden sexueller Gewalt medizinische und psychologische Betreuung, juristischen Beistand und Unterstützung beim Lebensunterhalt bietet. Der Zugang zu medizinischer und psychologischer Betreuung hilft den Überlebenden gesund zu werden. Der juristische Beistand und die sozioökonomische Unterstützung, wie zum Beispiel Berufsausbildung, ermöglichen ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft. Wenn sie die Fürsorge erhalten, die sie brauchen, entwickeln sie enorme Kraft.

Der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo dauert nun schon zwei Jahrzehnte. Wie ist die Lage derzeit?
Unglücklicherweise hat sich die Lage im Kongo nicht wirklich verbessert. Es gibt immer noch keinen Frieden und Menschen sterben durch Gewalt oder in einigen Regionen des Landes durch Hunger. Da der Konflikt nun schon so lange dauert, behandeln wir inzwischen die zweite Generation Opfer. Ich habe Vergewaltigungsopfer operiert, die die Töchter von Frauen sind, denen ich vor mehreren Jahren geholfen habe. Wenn wir die Gewalt nicht beenden, wird bald die dritte Generation Opfer vor unseren Toren erscheinen. Leider riskiert jeder, der es wagt, die andauernde Gewalt anzuprangern, schwerwiegende Konsequenzen durch die, die nichts von der Realität hören wollen.

2012 haben Sie einen Attentatsversuch überlebt nachdem Sie eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten hatten, in der Sie die Regierung des Kongo kritisierten. Wie sicher sind Sie jetzt?
Seit dem Anschlag lebe ich auf dem Gelände des Krankenhauses. Das Krankenhaus wird von UN Friedenstruppen beschützt, aber unsere Außenteams, die die ländlichen Gebiete besuchen sowie die Überlebenden, die zurückgehen, arbeiten und leben oft in sehr unsicheren Umständen.

Welche Menschen inspirieren Sie am meisten?
Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich mehr inspiriert, wie die Überlebenden, die ich jeden Tag treffe. Obwohl sie so viel durchgemacht haben, zeigen sie so viel Wärme und Kraft. Als ich 2012 nach dem Attentatsversuch fliehen musste, haben die Frauen begonnen, Geld für meinen Rückflug zu sammeln. Die meisten von ihnen müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, aber sie haben Obst und Gemüse verkauft, um das Ticket zu bezahlen. Ich habe nie wieder so eine Entschlossenheit gesehen. Sie sind eine echte Inspiration.

Was können normale Menschen tun, um zu helfen, dass sexuelle Gewalt aufhört?
Wir brauchen Menschen, die keine Angst haben sich zu äußern: sexuelle Gewalt wird in Kriegs- und in Friedenszeiten begangen, weil wir zulassen, dass Täter vergewaltigen und Gewalt ausüben. Solange die Gesellschaft schweigt, wird das weitergehen. Sexuelle Gewalt in Kriegszeiten ist nur eine Fortsetzung dessen, was in Friedenszeiten passiert. Wir müssen mit unseren Töchtern und Söhnen darüber sprechen. Nur dann können die Schuld und die Schande von den Opfern auf die Täter übertragen werden.

Mehr zu Denis Mukwege, seinem Leben und seinem Denken findest du in seiner Autobiografie Meine Stimme für das Leben oder auf unserer Blogseite zu Denis Mukwege.

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